Vorsicht: Ansichten


Paso Doble I

Der Titel zur Ausstellung von Fotoarbeiten des jungen Zürcher Künstlers Thomas Rehsteiner kommt mit einer Warnung: "Vorsicht". Die Definition von "Ansicht" im dtv Konversationslexikon scheint recht harmlos: "Ansicht: Abbildung eines Gegenstandes, nach Lage der Bildebene unterschieden in Hauptansicht (von vorn), Seitenansicht (von der Seite), Draufsicht (von oben)." Warum die Warnung?


Paso Doble X

Die grossformatigens "Paso Doble" Bilder sind Doppelbelichtungs-Aufnahmen. Sie vermitteln entweder zwei Ansichten (meist Haupt- oder Seitenansichten) der gleichen Person oder zeigen je eine Ansicht von zwei Modellen, die überlagert sind. Die Aufforderung zur Vorsicht kann verstanden werden als Aufforderung zum nochmaligen Hinschauen: da ist "more than meets the eye", mehr als wir auf den ersten Blick vermeinen, gesehen zu haben. Da ist neben oder im lachenden Gesicht ein anderes mit einem nachdenklichen Ausdruck erkennbar; der Schalk im Auge mag zwar ein Bild dominieren bis wir der Traurigkeit und Verlorenheit gewahr werden, welche die zweite Belichtung auszeichnen; zwei Münder sind sofort erkennbar, abec wo sind die vier Augen? Im Prozess des Hinsehens entdecken wir neue Dimensionen, andere Facetten der abgebildeten Personen.


Paso Doble II

Die gezeigten Bilder sind eine logische Weiterentwicklung im Werk Rehsteiners, der schon immer davon fasziniert war, was hinter der "Hauptansicht", hinter der Fassade oder Maske des Menschen zu entdecken ist. Das Innen, die Auseinangersetzung mit dem Essentiellen, aber letztlich Unfassbaren des Menschseins ist, was ihn interessiert. Die Doppelbelichtung bietet ihm Möglichkeit, verschiedene Aspekte oder Ebenen des Menschen zu zeigen, immer wissend, dass da noch ungezählte andere möglich sind. Die Vielschichtigkeit der menschlichen Existenz wird hier thematisiert, wobei die Zweidimensionalität der Fotografie ins plastisch Fassbare vorzudringen scheint. Wenn zwei Personen im Bild überlagert sind, stellt sich zusätzlich die Frage der Relation zwischen den beiden: Besteht überhaupt eine Beziehnung, was für eine, oder könnte es ein Hinweis darauf sein (vor allem in den Aufnahmen wo der Fotograf sich selber als zweites Modell ins Bild setzt), dass der Mensch immer Aspekte der eigenen Persönlichkeit auf einen andern projeziert? Sind Porträts schlussendlich immer Selbstporträts?

   

Out of the Blue VI

Die "Out of the Blue" Serie bringt zusätzliche Fragen der Identitätsbestimmung zur Diskussion. Zwei identische Aufnahmen werden einander gegenübergestellt, wobei in einer die Figur ausgeschnitten un mit blau unterlegt wurde. Was passiert? Welche Rolle spielt des Umfeld? Was für Informationen liefert der Gesichtsausdruck oder die Bekleidung einer Person zum Verständnis des Ablaufs, einer Geschichte? Nehmen wir das Umfeld besser wahr oder die Situation der Figur, wenn wir nicht abgelenkt werden durch Details? Wie beeinflusst der Verlust der dritten Dimension in der ausgeschnittenen Figur unsere Wahrnehmung? Verändert die zur blauen Fläche reduzierte Figur das Umfeld oder umgekehrt? Löst die gesichtlose blaue Figur die gleichen Assoziationen aus wie die andere? Informiet das eine Bild das andere im Sinne einer Ergänzung? Die Fragen deuten auf die Vielschichtigkeit des Wahrnehmungsprozesses im Erfassen eines Bildinhaltes.

   

Out of the Blue VII

In der betrachtenden Auseinandersetzung mit den Fotografien spüren wir die Intensität der Beziehung zwischen Fotograf und Modell. Vergleichbar dem alchemistischen Prozess, aus dem ein nicht vorausbestimmbares Drittes hervorgeht, geschieht etwas zwischen Fotograf und Modell, das in der aussergewöhnlichen Ausdrucksstärke der vorliegenden Bilder resultiert. Und der Besucher ist gewarnt: "Vorsicht: Ansichten": der alchemistische Prozess findet auch statt zwischen Bild und Betrachter.

Martha Stevns